Von:
Uta Schmechta

e-verantwortung.de

Es war keine Naturkatastrophe, keine Flut, kein Tsunami, es war, was passieren kann, wenn hunderttausende Menschen durch einen engen Tunnel auf ein Veranstaltungsgelände gepresst und gedrückt werden und sich hier stauen.

Wenn in so einer Situation Unvorhergesehenes passiert, kommt Panik auf, Enge erzeugt Angst. Angst ist irrational und eine Naturgewalt. Trotzdem: Mitten im Chaos versuchten junge Männer und Frauen, Freunde abzuschirmen, sich selbst auf den Beinen zu halten, andere hochzuziehen und irgendwie zu überleben. Das Entsetzen einer jungen Frau in einem Interview des ZDF-Morgenmagazins äußerte sich in einem Aufschluchzen: „Die haben uns eingesperrt wie Tiere“.

Viele waren danach geschockt, weil sie selbst über Menschenkörper kletterten – im Kampf um das nackte Überleben. Oder weil sie, einige hundert Meter von der Unglücksstelle entfernt, unbeschwert tanzten, noch Stunden später, weil die Veranstalter meinten, erwachsenen Menschen sei nicht zuzumuten, auf diesen Spaß zu verzichten – doch gerade die Tatsache, so getäuscht und desinformiert worden zu sein, schockte die Technofans und ihre DJs hinterher.

Tage nach der Katastrophe von Duisburg steht fest, dass mittlerweile 21 Todesopfer und an die 600 Verletzte auf das Konto von Fahrlässigkeit, Geltungssucht und Prestigedenken und ein völlig unzureichendes Sicherheitskonzept gehen.

Tage nach der Katastrophe kehren viele Menschen zurück in den Tunnel, weil sie die Eindrücke, die ihnen vorkommen wie ein „Alptraum“( so die Worte einer Augenzeugin ) verarbeiten wollen, weil sie mit anderen reden oder einfach still vor den Kerzen und Blumen sitzen wollen. Hier ist es gut und wichtig, dass Krisenintervention und Notfallseelsorge vor Ort Stellung halten und ein offenes Ohr für diese Menschen haben.

Bei den Verantwortlichen, Veranstalter Rainer Schaller und Bürgermeister Adolf Sauerland herrscht bisher einerseits Schweigen und andererseits erstaunliche Beredsamkeit, wenn es darum geht, einander die Schuld in die Schuhe zu schieben.

Wie wird das Trauerspiel weitergehen? Unzählige Betroffene müssen mit ihren Erlebnissen weiterleben, leiden darunter, dass sie nicht helfen konnten oder über andere hinweggetrampelt sind, dass sie überlebt haben, während Freunde starben. Die Weigerung der Verantwortlichen, vor allem des derzeit noch amtierenden OB Adolf Sauerland, ihre Schuld einzugestehen und öffentlich auch die moralische Verantwortung zu übernehmen, erschwert nach Auffassung von Traumaforschern die psychische Schwerstarbeit des Trauerns. Aber es geht für die Opfer auch um Schadensersatzansprüche, um Schmerzensgeld und teilweise einfach auch um das finanzielle Überleben -solange dies nicht geklärt ist, werden sie im Zuständigkeitsdschungel hin- und hergeschoben. Dagegen ist die Klage um verlorengehende Pensionsansprüche mehr als fragwürdig.

Mit welchen Gefühlen wird dieser Beitrag in etlichen Monaten gelesen? Wer wird bis dahin die Verantwortung übernommen haben? Die Wunden jedenfalls werden noch lange offen bleiben.